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Bericht: „Das große Warum“ und „Viele Fragen an mich selbst“ PDF Drucken

Bericht von einer Fahrt in die Gedenkstätte Auschwitz und nach Krakow (08.-15. November 2009)

25 Jugendliche aus ganz Brandenburg trafen sich am 8. November diesen Jahres in Berlin und Cottbus, um gemeinsam zunächst nach Oswiecim, später weiter nach Krakow zu fahren. Ein volles Programm vor sich, offene Fragen und Unsicherheiten, aber auch Neugier auf neue Leute und Inhalte im Gepäck hatten sie sich für eine Gedenkstättenfahrt der Linksjugend ['solid] Brandenburg und dem Bildungswerk für Politik und Kultur entschieden.

Täter, Opfer, Zuschauer – und ich?

Bereits bei einem Vorbereitungstreffen einige Wochen zuvor hatten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen darüber diskutiert, wie die Gesellschaft des Holocausts aussehen könnte: Wer war Täterin oder Täter, wer Mitläuferin oder Mitläufer, wer wurde zum Opfer gemacht und wer blieb passive(r) ZuschauerIn? Diese schematischen Kategorien versuchte die Gruppe auch im ehemaligen Stammlagers Auschwitz I und in Birkenau wiederzuerkennen – der Besuch fiel auf den 9.11., also genau 71 Jahre nach dem Beginn der „Novemberpogrome“, die vielleicht den Anfang der Vernichtungspolitik der Nazis darstellten: Auf sie folgte die Verhaftung 10 000er Juden in ganz Deutschland. Schnell fiel der Gruppe auf, beispielsweise bei der Diskussion, ob in der Gedenkstätte Auschwitz nun gegessen und gelacht werden dürfe, dass es bei der Auseinandersetzung mit der Shoah wichtig ist, den eigenen Standpunkt zu bestimmen: Die meisten der TeilnehmerInnen sahen das Geschehen aus der Perspektive der Nachgeborenen von TäterInnen und ZuschauerInnen.

Dieser Ansatz wurde in einem Workshop über „Oswiecim und Auschwitz – die Stadt und das Lager“ vertieft: Welche Probleme ergeben sich für die polnische Kleinstadt aus der Existenz der Gedenkstätte? Ist es möglich in der Nähe eines millionenfachen Tatorts, eines Friedhofs für Hunderttausende eine Disco zu eröffnen? Doch auch die Bedeutung der Shoah für die eigene Familiengeschichte sollte nicht zu kurz kommen: In einem Rollenspiel simulierten die TeilnehmerInnen Familiengespräche zu den Verbrechen der Großeltern – und kamen zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie Harald Welzer in seiner Studie „Opa war kein Nazi“: Im Lauf von nur zwei Gesprächen (zwischen „Zeitzeugen“ und ihren Kindern und zwischen den Kindern und den Enkeln) wurden aus Soldaten, die an Erschießungen direkt beteiligt waren Opas, die von Verbrechen höchstens gehört hatten und auf jeden Fall dagegen waren. Vielleicht waren die Ergebnisse dieses Workshops für einige nocheinmal Anlass, zu Hause genauer nachzufragen.

Erinnerung und Trauma

Anders sieht sicherlich die Erinnerung auf Seiten der Opfer aus. In einem Workshop näherten sich TeilnehmerInnen der Trauma-Problematik: Wie können Erlebnisse wie z.B. das Überleben des Vernichtungslagers Auschwitz überhaupt verarbeitet werden? Dies wurde der Gruppe insbesondere im Gespräch mit Wilhelm Brasse deutlich. Brasse wurde in Auschwitz als Lagerfotograf gezwungen, Bilder von Häftlingen zu machen, unter ihnen auch Frauen und Kinder, an denen medizinische Experimente durchgeführt wurden. Als er nach 1945 seinen Beruf wieder ausüben will, kann er das nicht: Hinter seinen KundInnen tauchen vor seinem Auge immer wieder die Bilder der nackten Frauen auf, die er im Lager fotografieren musste.

Jüdisches Leben in Polen und Krakow heute

Nach der intensiven Auseinandersetzung mit den ehemaligen KZs Auschwitz und Auschwitz-Birkenau, aber auch nach weiteren inhaltlichen Workshops zu Themen wie „Jüdischen Widerstand“, „Zwangsarbeit“ und „Antisemitismus“ ging es weiter nach Krakow. In der quirligen Studierenden-Stadt lebten bis zum Überfall der Deutschen ca. 70 000 Juden, nur noch wenige Hundert sind es heute. Auf den Spuren des einst vielfältigen jüdischen Lebens wandelte die Gruppe dennoch: Im Viertel Kasimierz besichtigte sie die erhaltenen Synagogen, den alten Friedhof und beispielsweise die Markthallen am Plac Novy. Doch auch hier stößt man schnell auf die Vernichtung der Nazis: Im Stadtteil Podgorze richteten sie nach der Eroberung der Stadt ein Ghetto ein, nicht weit davon entfernt wurde auf dem Gelände eines jüdischen Friedhofs das KZ Plaszow errichtet; die Grabsteine dienten hier zur Pflasterung der Lagerstraße. Heute zeugen nur noch vereinzelte Gedenksteine von der Geschichte des Ortes, dessen grüne Wiesen zwischen Wohn- und Gewerbegebieten eingebettet sind – ein deutlicher Gegensatz zur Gedenkstätte Auschwitz mit ihren Millionen jährlichen BesucherInnen.

Erinnern – aber wie?

Auch wenn die Fahrt einige offene Fragen klären konnte, wenn nun klarer ist, was in Auschwitz und in anderen Lagern geschah, so warf sie doch mehr Fragen auf – nicht nur das „große Warum“, sondern auch an uns selbst.

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